HIV heute

Seit Einführung der HIV-Kombinationsthe­rapie hat sich der Verlauf einer HIV-Erkran­kung deutlich verändert.

Wurde die Diagnose „HIV-positiv“ bis Mitte der 90er Jahre noch wie ein Todesurteil erlebt, so gilt eine HIV-Infektion heute als chronische Erkrankung, mit der man bei guter medizinischer Versorgung eine annähernd normale Lebenserwartung hat. Da gerade bei dieser Erkrankung umfas­send geforscht wird und die Behandlungs­methoden laufend verbessert werden, ist es für HIV-Positive besonders wichtig, sich von Ärzten, die auf HIV spezialisiert sind, behandeln zu lassen. Ob eine vollständige Entfernung der Viren aus dem Körper (… also eine wirkliche „Heilung“) in abseh­barer Zukunft einmal möglich sein wird, bleibt zurzeit umstritten.

Ein HIV-positives Testergebnis stellt jedoch – trotz der medizinischen Fortschritte – für die meisten einen schwerwiegenden Einschnitt dar, der nicht immer leicht zu bewältigen ist.

Denn auch eine chronische Erkrankung bringt Einschränkungen mit sich, bei­spielsweise die vermutlich lebenslange Einnahme der Medikamente oder deren mögliche Neben- und Wechselwirkun­gen. Auch die wechselseitigen Einflüsse von normalen Alterungsprozessen, einer jahrzehntelangen Behandlung und der HIV-Infektion selbst, sind noch nicht ab­schließend geklärt.

Ein sehr großes Problem ist, dass eine HIV-Infektion häufig immer noch als Stigma erlebt wird und HIV-Positiven auch nach über 30 Jahren Aufklärung und Information immer noch diskriminierend begegnet wird.

Infektion und Behandlung

Eine Infektion mit HIV schädigt vor allem bestimmte Zellen des Immunsystems, die CD4-Helferzellen genannt werden. Diese Zellen sind mit einer Kommandozentrale vergleichbar, die dann aktiv wird, wenn Krankheitserreger in den Körper eindrin­gen. Durch die HIV-Infektion werden diese Kommando-Zellen geschädigt, so dass sich der Körper gegen eindringende Erreger immer weniger wehren kann, was unbehandelt in der Folge zu schweren bis lebensbedrohlichen Erkrankungen führen kann.

Bei ungefähr der Hälfte der Infizier­ten treten ein bis drei Wochen nach der Ansteckung unspezifische, grippeähnli­che Anzeichen auf. Dies können Husten, Schnupfen, Übelkeit, Muskel- und Gelenk­schmerzen, hohes Fieber und ein Hautau­sschlag sein. Die Symptome sind deutlich ausgeprägt, ein kleiner Schnupfen oder ein Kratzen im Hals zählen hier nicht. Die Krankheitszeichen klingen nach ein bis zwei Wochen wieder ab und die Infektion geht in ein Stadium ohne Anzeichen über, das viele Jahre andauern kann. In diesem Stadium fühlen sich die Infizierten in der Regel gesund. Trotzdem wird das Immun­system durch die fortdauernde Vermeh­rung der Viren immer weiter geschädigt.

Bleibt die Infektion unerkannt und un­behandelt, können eindringende Krank­heitserreger immer schlechter abgewehrt werden und es treten vermehrt unter­schiedlichste Infektionskrankheiten und beispielsweise Fieber, Nachtschweiß, Haut­veränderungen und Durchfälle auf. Wenn das Immunsystem durch die Viren so stark geschädigt ist, dass bestimmte schwer­wiegende Erkrankungen auftreten, die normalerweise im Rahmen von funktionie­renden Abwehrkräften verhindert werden, spricht man von einer Aids-Erkrankung.

Solche Erkrankungen können zum Bei­spiel eine bestimmte Form der Lungenent­zündung, Toxoplasmose und Tuberkulose sein. Ebenso können sich auch durch Viren verursachte Krebsformen und Zellschä­digungen des Zentralen Nervensystems entwickeln.

Ziel der HIV-Therapie ist es, die Virusvermehrung zu unterdrücken und so ein Voranschreiten der Erkrankung aufzuhalten. Die Medikamente verhindern, dass ein schwerer Immundefekt entsteht und geben dem Immunsystem die Gelegenheit sich zu erholen.

Selbst wenn schon Symptome einer Aids-Erkrankung aufgetreten sind, können sie sich durch die Behandlung wieder zurückbilden. Eine rechtzeitige Diagnose der HIV-Infektion durch einen HIV-Test ist die wichtigste Voraussetzung, um optimal von den HIV-Medikamenten profitieren zu können. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass ein früher Behandlungsbeginn zu einem günstigeren Erkrankungsverlauf führt.

Man schätzt, dass in Deutschland ein Drittel bis die Hälfte aller HIV-Infektionen zu spät, d.h. nicht zum optimalen Zeitpunkt erkannt und behandelt werden.

Übertragungswege & Nachweis

HIV kann nur übertragen werden, wenn eine ausreichende Menge Viren auf eine Eintrittspforte trifft und so in die Blutbahn des Körpers gelangt. Solche Eintrittspforten können beispielsweise Verletzungen oder großflächige Entzündungsherde, aber auch völlig unbeschädigte Schleimhäute, sein.

In einigen Schleimhäuten befinden sich spezielle Zellen, in die HIV direkt eindringen kann. Diese Zellen werden daher auch als „Zielzellen“ für HIV bezeichnet. Über diese Zellen gelangen die Viren dann über mehrere Zwischenschritte (Gewebe, Lymphgefäße, Lymphknoten) in den Blutkreislauf und können sich dann über den ganzen Körper ausbreiten.

Besonders viele solcher Zielzellen, die HIV direkt aufnehmen und auch abgeben können, finden sich in den Schleimhäuten von

  • Enddarm
  • Scheide (Vagina)
  • Harnröhrenausgang
  • Innenseite der Vorhaut und Vorhautbändchen

Andere Schleimhäute, wie etwa die Mundschleimhaut oder die Schleimhäute der Schamlippen und der Eichel, sind dicker und robuster. Hier kann HIV in der Regel nur eindringen, wenn diese Schleimhäute verletzt oder geschädigt sind, beispielsweise durch eine Entzündung oder eine sexuell übertragbare Erkrankung.

Infektiöse Körperflüssigkeiten, die HIV enthalten können sind

  • Blut
  • Sperma
  • Scheidenflüssigkeit (Vaginalsekret)
  • Flüssigkeitsfilm der Darmschleimhaut
  • Eiter, Wundflüssigkeit und Absonderungen von Entzündungen

Andere Körperflüssigkeiten (etwa Speichel, Tränen, Schweiß oder Urin) enthalten keine HI-Viren oder nur in einer so geringen Menge, dass dies nicht zu einer Ansteckung führt.

Für das Ansteckungsrisiko ist es wichtig zu unterscheiden, welche Art Flüssigkeit auf welche Eintrittspforte trifft:

So spielt der Vorlusttropfen und die Scheidenflüssigkeit beim Oralverkehr keine Rolle, weil beide Flüssigkeiten in nur geringer Menge aufgenommen und durch den Speichel gleich verdünnt werden. Die Mundschleimhaut ist zudem sehr widerstandsfähig gegenüber HIV. Erst im hinteren Rachenbereich ist die Schleimhaut verletzlicher.

Anders die dünne und empfindliche Darm- und Vaginalschleimhaut und der Gebärmuttermund: Hier sind besonders viele Zielzellen für HIV enthalten. Daher ist hier eine HIV-Übertragung auch über die geringe Virenmenge des Lusttropfens möglich.

Scheidenflüssigkeit, die auf HIV-aufnahmefähige Zellen auf der Innenseite der Vorhaut, dem Vorhautbändchen und dem Harnröhrenausgang trifft, kann hier ebenfalls, anders als beim Oralverkehr, eine HIV-Infektion verursachen.

HIV kann nicht bei Alltagskontakten übertragen werden: Das Küssen zur Begrüßung, gemeinsames Essen, Kuscheln und zusammen baden oder die gemeinsame Benutzung der Toilette stellen keine Infektionsgefahr dar. Auch über Gegenstände, wie Türklinken, Handtücher, Besteck und Gläser kann HIV nicht übertragen werden. Eine Übertragung der Viren über Speichel, Schweiß, Tränenflüssigkeit, Urin und Kot ist ebenfalls nicht möglich. Eine Ansteckung über Insektenstiche ist ausgeschlossen. Auch wenn infektiöse Flüssigkeit auf nicht geschädigte Haut, beispielsweise die Hand gerät, besteht kein Risiko. Außerhalb des Körpers sind HI-Viren nicht lange „überlebensfähig“ und werden an der Luft inaktiv, sobald die virenhaltige Flüssigkeit, wie etwa Blut oder Sperma, eingetrocknet ist.
Nach einer Ansteckung mit HIV dauert es in der Regel zwölf Wochen, bis sich Antikörper zuverlässig nachweisen lassen. Wird der Test vor Ablauf dieser Zeit durchgeführt, ist er nicht aussagekräftig. Werden durch diese Testverfahren HIV-Antikörper festgestellt, lautet das Testergebnis „positiv“. Wird nichts nachgewiesen, ist das Testergebnis „negativ“.
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Generell kann man sagen, dass HIV zu den schwer übertragbaren Erregern gehört und immer mehrere Faktoren zusammenkommen müssen, damit eine Übertragung möglich ist. So muss etwa eine ausreichende Menge virenhaltiger Flüssigkeit eine genügend lange Zeit auf eine Eintrittspforte einwirken können.

Nicht jeder Kontakt mit dem Virus führt also zwangsläufig auch zu einer Ansteckung.

Das Risiko ist deutlich erhöht, wenn der infizierte Partner eine sehr hohe Viruslast hat, folglich also auch viele HI-Viren in den infektiösen Körperflüssigkeiten vorhanden sind. Das ist beispielsweise zu Beginn der Infektion der Fall, wenn die meisten Infizierten noch gar nichts von ihrer Ansteckung wissen.

Ebenfalls ist das Risiko einer Ansteckung sehr viel höher, wenn eine weitere sexuell übertragbare Erkrankung vorliegt. Dies gilt für beide Partner. Beim nicht infizierten Partner /der nicht infizierten Partnerin, weil hierdurch Haut und/oder Schleimhäute geschädigt werden und die Viren dann leichter eindringen können. Beim infizierten Partner/ bei der infizierten Partnerin, weil im Bereich der Schleimhautschädigung auch die HI-Viruslast erhöht ist und hierdurch eine Übertragung begünstigt wird. Wird der positive Partner/ die positive Partnerin allerdings erfolgreich mit HIV-Medikamenten behandelt, fällt dahingegen die Anreicherung von HIV im geschädigten Gewebe so gering aus, dass diese zu vernachlässigen ist.

Natürlich spielt es auch eine Rolle wie häufig man sich einem Risiko aussetzt: Das Ansteckungsrisiko häuft sich sozusagen mit der Zahl der eingegangenen Risikosituationen und der Zahl der Sexpartner an. So können sich auch geringere Risiken, z.B. Spermaaufnahme beim Oralverkehr, über monate- und jahrelange Wiederholung zu relevanten Risiken aufsummieren.